Lern:werkstatt

Ein Tandem im Klassenzimmer

Ein Lehramtsstudierender und eine Lehrkraft bilden ein Tandem und arbeiten über ein Schuljahr hinweg intensiv zusammen: das ist das Prinzip der Lehr:werkstatt. Seit knapp einem Jahr gibt es das Angebot auch in Würzburg. Theres Gepperth nimmt daran teil und hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben.


Kann ich das: vor einer Klasse stehen und die Schüler für den Unterricht begeistern? In der Lehr:werkstatt können Lehramtsstudierende in der Praxis testen, ob der Beruf ihnen liegt. (Foto: Gunnar Bartsch)

Voller Lust darauf, endlich vor einer echten Schulklasse zu stehen? Panisch bei dem Gedanken, im Beruf an Unfähigkeit zu scheitern? Und unsicher, ob der Lehrerberuf wirklich der Passende ist? Diese Gefühle haben auch mich gequält, als ich 2011 in mein Studium einstieg.

Als Studentin auf Gymnasiallehramt für Deutsch, Englisch und Ethik wird man schnell und gerne verunsichert. Neben „Gott, bei den Kindern von heute?“ und „Bist du verrückt, das viele Korrigieren!” habe ich besonders häufig auch diese Frage gestellt bekommen: „Hast du dir mal die Einstellungszahlen angeschaut?”. Ja, habe ich. Hat mich nicht verschreckt, wenn auch nicht gerade positiv gestimmt.

Was mir eher Angst machte, war die Frage, ob ich denn überhaupt geeignet sei. Klar, Nachhilfe geben hat mir immer Spaß gemacht. Doch vor einer ganzen Klasse stehen, deren semi-interessierte bis gelangweilte Blicke mit Motivation und Mut zur Kreativität erwidern, Streits schlichten, ein Machtwort sprechen? Dafür braucht es mehr als Liebe zum Fach und Optimismus.

Praxis kommt zu kurz

Theres GeppertZukünftige Lehrer leben vor allem von einem: Praxiserfahrung. Dass man davon im Regelstudium zu wenig bekommt, ist kein Geheimnis. Die wenigen Pflichtpraktika sind zumeist kurz und werden an den örtlichen Stadtschulen absolviert, wo das Kollegium nach dutzenden Jahrgängen von Studierenden bisweilen weder Zeit noch Lust hat, sich intensiv mit diesen auseinanderzusetzen.

Theres Gepperth ist Lehr:werker. Die Erfahrungen, die sie in der Lehr:werkstatt gesammelt hat, findet sie wertvoll. (Foto: privat)

Kaum Zeit für Erklärungen, gute Betreuung, ein lockeres Gespräch mit den Fachbetreuern. Als Student selbst unterrichten? Mit Glück ein Stündchen, vielleicht zwei. Doch eine Beziehung zu den Lehrkräften, der Klasse, der Schule, das baut man hier nicht auf. Selten fühlt man sich nach den kurzen Praktika wirklich vorbereitet oder ausreichend informiert.

Wie viele andere Studierende wollte ich mehr als das. Ich wollte vor der Klasse stehen, Schüler beim Namen kennen, ein Gefühl dafür bekommen, was den Lehrerberuf wirklich ausmacht. Auf der Homepage des Praktikumsamtes fiel mir zu meinem Glück etwas auf: die Lehr:werkstatt, ein Intensivpraktikum. Ich wurde neugierig und klickte mich durch.

Die Lehr:werkstatt

Die Lehr:werkstatt wurde von der Eberhard-von-Kuehnheim-Stiftung im Jahr 2011 in München ins Leben gerufen. Die Idee hinter dem Programm: Ein Lehramtsstudierender (Lehr:werker) und eine Lehrkraft (Lehr:mentor) bilden ein Tandem und arbeiten über ein Schuljahr hinweg an einem Tag der Woche intensiv zusammen. Mit Workshops und Praxisseminaren an der Universität werden Studierende und Lehrer zusätzlich betreut.

Da im Tandem gearbeitet wird, also als Partner im Unterricht, bekommt der Lehr:werker alles mit. Er sitzt nicht nur in der letzten Reihe und macht Notizen, sondern bereitet selbst Stunden vor, korrigiert Hefte, hilft schwächeren Schülern, steht alleine oder mit dem Lehr:mentor gemeinsam vor der Klasse. Diese aktive Unterstützung soll dem Lehr:mentor nach kurzer Einarbeitungszeit als Entlastung dienen, der Lehr:werker erhält dafür wertvolle Praxiserfahrung.

Ab nach Marktheidenfeld

Nach meiner Bewerbung führte die Stiftung ein Matching mit den angemeldeten Lehrern durch. Das Ergebnis: Ich landete am Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld; meine Tandemlehrerin wurde Tanja Linsner, mit der ich die Fächer Deutsch und Englisch teilte. Die Schule ist zwar stolze 45 Minuten Busfahrt von Würzburg entfernt, bekommt dafür aber weniger Praktikanten. Außerdem interessant: Die Schule besitzt einen Ganztagszweig. Das kannte ich so aus meiner eigenen Schulzeit nicht.

Ich traf mich mit meiner Lehr:mentorin im Sommer vor dem Praktikumsstart und ließ mir die Schule zeigen. Ich merkte gleich, dass es zwischen uns passte. Auch die Schule gefiel mir gut. Schon in den ersten Wochen überließ Tanja mir die wöchentliche Pausenaufsicht, in der ich meine Autorität testen und Schüler mit klingelndem Schlüssel aus dem oberen Stockwerk in die Aula verbannen durfte. Regelmäßig unterrichtete ich mit ihr außerdem eine 6. Klasse in Englisch.

Langsamer Einstieg ins Unterrichten

Am Anfang war ich eher zurückhaltend. Ich hatte etwas Angst, vor der Klasse zu stehen, die ein sehr lebendiger Haufen ist. Würden die Schüler auf mich hören? Was, wenn sie laut werden oder sich weigern, mitzumachen? Tanja löste das Problem, indem sie mir zunächst kleine Unterrichtsportionen überließ. Einen Text lesen, Fragen beantworten, eine Übung aus dem Workbook.

Nachdem ich die Schüler besser kannte und auch die Namen langsam hängen blieben, traute ich mich an größere Unterrichtssequenzen. Aus meinem Austauschjahr in Maine brachte ich zum Beispiel Anschauungsmaterial mit und hielt eine Stunde zur USA – den Schülern gefiel es gut, auch mir machte es Spaß. Gleichzeitig erhielt ich wertvolles Feedback von meiner Lehr:mentorin. Sie wies mich beispielsweise auf nervöse Ticks hin – an der eigenen Halskette herumspielen – und machte mir die Bedeutung von genauem und passendem Feedback klar – nicht jeder Vorleser verdient ein „very good“, egal wie nett der Schüler auch lächelt.

Kollege statt Praktikant

Auch im Lehrerzimmer fühlte ich mich immer wohler. Viele Lehrer kannten mich und meine beiden Mit-Lehr:werker beim Namen, fragten mich nach meiner Meinung oder ließen mich einen Test vorkorrigieren. War ein Lehrer besonders beschäftigt oder hatte ein gutes Thema auf dem Plan, so wurde ich eingeladen, doch auch mal eine Stunde in seiner Klasse zu übernehmen. Ich fühlte mich weniger wie eine Praktikantin und mehr wie eine neue Kollegin.

Inzwischen bin ich froh, dass ich den Schritt zur Bewerbung gewagt habe. Ich bin mir jetzt sicher, dass der Lehrerberuf das Richtige für mich ist, und habe wertvolle Praxiserfahrungen gesammelt, die mir später sicherlich helfen werden.

Theres Gepperth

generelle Informationen zur Lern:werkstatt

Interview eines Tandems am Balthasar-Neumann-Gymnasiums Marktheidenfeld im Bayerischen Rundfunkt